Wie geht es euch wirklich?

Steinhirt Heidenheim

Wie geht es euch wirklich? Genauso wie ihr euch fühlt? Ich jedenfalls fühle mich beschissen. Dabei geht es mir doch eigentlich so gut: ich habe ein Dach über dem Kopf, habe genügend Essen und sauberes Trinkwasser, und - als wäre das noch nicht genug - eine ganze Menge Luxusartikel. Doch selbst das ist noch nicht alles, ich spiele desweiteren nämlich noch in zwei supercoolen Rockbands, habe neulich ein echt gutes Halbjahrszeugnis bekommen und und und ...

Warum ich dann noch unglücklich bin? Vielleicht, weil Arbeit ansteht. Bewerbungsarbeit um einen Ausbildungsplatz zum Bürokaufmann oder irgendeinen anderen Scheiß. Mal sehen, was so kommt.

Ach, da wäre ja noch etwas: ich kriege schon seit Wochen keinen einzigen Buchstaben mehr aufs Blatt! Ich versuche krampfhaft, mal wieder eine Kurzgeschichte zu schreiben, aber irgendwie finde ich da momentan nicht die innerliche Ruhe zu. Das kotzt mich so richtig an ...

That's life. Es muss weitergehen. Das tut es sowieso.

10.2.07 14:10, kommentieren

Kurzgeschichte - Falten meines Hirns

Steinhirt Heidenheim
 
Ja, warum eigentlich nicht? Wieso sollte ich der dunklen Seite meines Gehirns nicht auch mal eine Chance geben? Sicherlich wäre danach mit einer langen Gefängnisstrafe zu rechnen und einigen Besuchen beim Psychiater, der enttäuscht feststellen müsste, dass mit mir alles in Ordnung ist. Aber wieso immer über die Folgen nachdenken? Wieso nicht einfach machen? Wieso nicht einfach dem kleinen Mädchen, das vor mir im Bus sitzt, die Kehle aufschlitzen? Die entsetzten, fassungslosen Gesichter, die daraufhin bei all den anderen um mich herum entstehen würden, wären es die Sache doch wert, oder nicht?
Ich wette, mein Nachbar würde vor Schreck aus dem Sitz springen – nein, fallen! Er würde mitten im Gang liegen, mit einem Angst erfüllten Gesicht, welches mir zeigen würde, dass es die Sache wirklich wert war. Oh ja! Ich mache es!
Zack, und das war es auch schon. Jetzt läuft und spritzt ihr ohne Ende Blut aus dem Hals und alle schreien und mein Nachbar ist wirklich aus dem Sitz gefallen und hat schon Tränen im Gesicht. Wahrscheinlich vor lauter Angst, denke ich. Was für ein geiles Gefühl! Alle fürchten mich und wollen meinem Messer möglichst fern sein! Natürlich, das würde ich auch wollen. Aber sie wissen ja nicht, dass ich gar nicht vor habe, noch mehr zu töten. Ich bin doch kein Mörder! Ich wollte nur mal wissen wie es ist. Ich wollte es fühlen. Ich wollte spüren, wie leicht sich die scharfe Klinge meines Schweizer Messers durch die Kehle dieses jungen Mädchens fahren lässt. Das es so einfach ist, hätte ich nicht erwartet. Hammer! Wirklich gut. Mir gefällt es.
Dem Jungen vor dem jetzt verbluteten oder erstickten Mädchen (ich wüsste es nur zu gerne - viel zu gerne - ob sie nun verblutet ist oder einfach keine Luft mehr bekommen hat), gefiel die Show offenbar am wenigsten von allen. Er ist voller Blut, welches das arme Mädchen, das noch dazu sehr hübsch war (ich hätte es wohl besser vergewaltigen sollen), von hinten auf ihn gespritzt hat, während es noch versuchte, zu verstehen, was überhaupt passiert war. Ich glaube, sie hat nicht einmal mehr mein Gesicht gesehen. Schade... Ich hätte ihres gerne nochmal gesehen. Ich sah es nämlich nur ganz, ganz kurz, als sie in den Bus einstieg. Danach war mir nur noch ihr Hinterkopf zugewandt. Zum Glück habe ich ihr nicht die Augen herausgestochen, sodass ich mir ihr Gesicht nochmal ansehen könnte, bevor ich ihr vielleicht wirklich noch die Augen heraussteche – wer weiß?
Jetzt hält der Busfahrer, er heißt Peter (ich kenne ihn sehr gut), den Wagen an. Wir stehen mitten auf einer Landstraße, ich schaue gelangweilt aus dem Fenster und sehe all die Autos, die hupend an uns vorbei rasen. Die Leute schauen ärgerlich-gestikulierend auf den Bus und ihre Insassen. Kaum jemand scheint das viele Blut an der Scheibe zu registrieren. Die Welt ist so sehr in Eile geraten... so sehr, dass wir anfangen, die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu übersehen.
Ich fange an zu weinen, aber weiß nicht wieso. Mit dem kleinen Mädchen - o Gott, es war vielleicht zehn -, das ich gerade getötet habe, hat es nichts zu tun.
Endlich hat auch Peter gesehen, was los ist und schreit ununterbrochen irgendeinen unverständlichen Kram, während er schnell wieder nach vorne zu seinem Fahrerplatz läuft. Ich kann nur gelegentlich ein „O mein Gott!“ heraushören und frage mich - verflucht nochmal - was Gott denn damit zu tun hat?! Ich war es doch! „Hier, ich war es“, rufe ich dem lieben Peter jetzt zu, aber er hört mich nicht. Er ist viel zu beschäftigt damit, das gerade Gesehene zu verarbeiten.
Die Türen gehen plötzlich auf - hinten und vorne. All die Kinder und Jugendlichen strömen heraus und haben es scheinbar eilig, das Weite zu suchen. Aber nein, sie rennen nur einige Meter vom Bus weg. Gerade weit genug, um schnell noch entferntere Orte aufsuchen zu können, falls ich unerwartet aufspringen und mit meinem Messer auf sie zu rennen sollte. Aber verdammt, ich bin doch kein Mörder!, denke ich. All die Kinder und Jugendlichen (alles noch Babys in meinen Augen) strömen heraus und beobachten mich aus ihren Deckungen heraus. Ich frage mich und frage mich, was sie von mir erwarten. Ob ich etwas Bestimmtes tun soll, frage ich sie, aber keiner antwortet. Sie schauen sich gegenseitig nur unsicher an. Ich denke mir nichts dabei und sehe, wie auch mein gemochter Busfahrer endlich aus dem Wagen flüchtet. Wieder kann ich nur wenig von seinen genuschelten Worten verstehen. Wieder nur ein „Gott im Himmel...“, das ich heraushören kann und die Frage - Wieso verdammt nochmal Gott?! - beißt wieder an mir.
Maik, ein Freund von mir, hat überall Tränen im Gesicht und fragt mich aus sicherer (weiter) Entfernung, was ich doch getan hätte. Ich schaue ihn fragend an, schaue auf das tote Mädchen vor mir, schaue wieder ihn an und frage, ob man das nicht sehen könnte und er in diesem Fall doch bitte näher kommen sollte. Statt noch irgendetwas zu sagen, fängt er heftiger zu weinen und schluchzen an. Ich kann ihn einfach nicht verstehen. Wieso heult er, was ist los? Sag doch was, denke ich. Was du dort machst ist Zeitverschwendung, mein Freund. Ich habe dich stets gelehrt, deine Zeit sinnvoll zu nutzen und nicht mit weinen und heucheln zu verbringen. Verdammt, was ist los mit euch allen?!
Ich wende mich Kopf schüttelnd wieder dem Fenster zu und schaue auf die Straße. Viele scheinen bemerkt zu haben, dass hier etwas geschehen ist. Jeder ist neugierig und will sofort alles wissen. Für manche, die das Blut gesehen haben und das Mädchen, das an der damit verschmierten Scheibe lehnt, hat sich jede Frage schon erledigt. Sie suchen schnell das Weite – bleiben aber in Sichtkontakt mit mir und dem Bus. Jeder ist neugierig und will sofort wissen, wie es weiter geht.
Ich blicke auf das rote, schon fast geronnene Blut der Kleinen. Wie es schmeckt, frage ich mich und lecke daran. Wirklich gut, denke ich. Mir gefällt es. Ich lecke ein weiteres Mal an der Scheibe und frage mich, wieso nicht ein drittes Mal? Und ein Viertes... und Fünftes... und Sechstes... das genügt. Ich lasse mich wieder zurück in meinen Sitz fallen, lehne mich entspannt zurück und lege die Hände (mit dem Schweizer Messer darin) in den Schoß. Jetzt endlich kann ich Polizeisirenen hören. Aber die Nachrichtensender sind wieder einmal zuerst vor Ort gewesen: Kabel Eins, NBC, Pro Sieben, Sat Eins... Das gesamte Alphabet, denke ich an einen Film, den ich einmal im Kino gesehen habe.
Wieder einmal wird meine Aufmerksamkeit nach draußen gezogen – durch das Fenster. Ich sehe all die Menschen, die plötzlich so zahlreich geworden sind, dass ich nicht im Traum daran denken würde, sie alle zu zählen. Wozu auch? Das hatte ich gar nicht vor. Ich sehe nur die Sensationsgier all der Menschen. Die ganze Welt macht mich traurig... so verdammt traurig!
Ich fange wieder an zu weinen. Wo, verdammte Scheiße, sind die Chips, das Bier und die Zigaretten?, frage ich mich. Ohne all das macht doch Fernsehen keinen Spaß... Ja, Fernsehen – TV. Mit all den Bildern werden sich doch auch die, die ihr gerade seht, irgendwann vermischen. Ich fange laut an zu schluchzen, fast wie Maik. Nur ich habe tatsächlich einen Grund dazu. Denn ich werde jetzt sterben. Ich bin gespannt, wie es sich anfühlt. Werde ich verbluten oder daran ersticken? Ich bin so gespannt.
Zack, und das war es auch schon.

27.1.07 16:02, kommentieren